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August 10, 2007 @ 9:27 pm

Hoffentlich ohne Befund

Aufgrund von körperlichen Problemen die symptomatisch sind für eine Computer-Tipse – man könnte es auch mit ‘Ich hab Rücken’ umschreiben – war ein kurzer Check notwendig. Der kurze Check entwickelte sich zu einem Abstieg in die Abgründe des deutschen Ärztetums …

Vorab: Es gibt Gott sei Dank noch engagierte Ärzte, Ärzte denen das Wohlbefinden ihrer Patienten noch wichtig ist und die vor allem über das nötige Einfühlungsvermögen verfügen. Jeder der einen dieser anscheinend seltenen Spezie kennt, sollte dankbar sein. Die anderen haben mein Mitleid.

- Der Orthopäde

Der Besuch beim Orthopäden als neuer Patient der zum ersten Mal in seinem Leben einen ebensolchen besucht, begann mit einem netten Gespräch mit der Arzthelferin: “Name“, “Waren Sie schon einmal bei uns?” und “Wollen Sie gleich zum Röntgen?” … Sie muß das entrückte Gesicht bemerkt haben und ergänzte nach einer Pause noch “… oder wollen Sie erst einmal einen Arzt sprechen?“. Ja, irgendwie eigentlich schon. Als fieser Kassenpatient dauerte die Wartezeit dann auch nur knapp drei Stunden, aber für Unterhaltung war gesorgt: Die Frage “Wollen Sie gleich zum Röntgen?” hatte System, auch das 13jährige Mädchen das knapp eine Stunde später eintraf wurde damit begrüßt und kurzerhand gab es den Anruf bei den Erziehungsberechtigten um die Einwilligung zu holen. Auch die Terminvergabe war spannend anzuhören: Privatpatienten bekamen Termine innerhalb von drei Tagen, Kassenpatienten frühstens in 4-8 Wochen. Der Arzt begrüßte einen dann mit einem freundlichen “Sie wollten ja nicht zum Röntgen“, machte einmal Knick-Knack, gab eine Spritze und das war es. “Nächstes Mal dann mit Röntgen” sagte er noch, als er nach knapp fünf Minuten zum nächsten Patienten eilte. Sicher nicht, eher fällt mir der Arm ab.

Gut. Man lernt ja dazu, Fazit: Gehe nur zu Ärzten die Du kennst, auch wenn man etwas länger durch die Stadt fahren muß. Gesagt getan. Es endete dann nach einer Verschlimmerung doch beim Röntgen. Da Berliner Röntgeninstitute anscheinend völlig ausgebucht sind und es in nicht akuten Fällen Wochen dauern kann einen Termin zu bekommen, gings – quasi als Geheimtipp – ins Berliner Umland. Die “Warnung” vor den dortigen Begebenheiten des Arztes nahm ich mit Humor, dummerweise meinte er die Ernst …

- Das Röntgeninstitut

Der erste Eindruck beim Eintreten: Ui, so muß das vor 20 Jahren in der DDR ausgesehen haben – hoffentlich ist die Technik auf aktuellem Stand. Das ganze lief dann wie routinierte Fließbandarbeit ab: Man wartet im großen “Wartezimmer” (keine Zeitungen, Stuhl an Stuhl, keine Pflanzen) und wird dann nacheinander in die “Umkleidekabinen” gerufen. “Nette” Gehilfinnen befehligten einen durch die Prozedur. Anschließend geht es zurück ins Wartezimmer und man wartet dann auf die Bilder inkl. der Befunde. Die Befunde wurden fließbandtechnisch von einem Arzt (oder doch mehr?) vorgenommen, den/die man aber nicht zu Gesicht bekam. Es waren ungefähr 10 Personen vor mir dran, darunter auch ein älteres Pärchen. Ich staunte nicht schlecht, als eine der Sprechstundenhilfen mit Aufnahmen ins Wartezimmer kommt, den Namen des älteren Pärchens aufrief und dann zu der Frau meinte “Gehen Sie _sofort_ damit zum Arzt. Sofort.” – keine Privatsphäre, kein Arzt hat sich die Mühe gemacht die beiden zu sich zu rufen, alle Wartenden saßen da und glotzten die Frau, die sichtlich getroffen war, an. Ihr Mann nahm sie in den Arm und beide verließen das “Institut”. Die nächsten drei Wartenden hatten Glück, offenbar alle Aufnahmen ohne Befund. Nicht so beim nächsten Mann: Auch er hatte anscheind Pech, sein Befund stellte sich ähnlich katastrophal dar und wir alle durften wieder daran teilhaben, wie für eine Person innerhalb weniger Sekunden eine Welt zusammenbricht. Die Gesichter der Wartenden sprachen ein eindeutiges Bild: Hoffentlich ohne Befund.

Ohne jeglichen weiteren Kommentar.


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Kategorie: Böse

3 Comments »

  1. Posted by Ricardo

    August 25, 2007 @ 9:35 pm

    Heftig, ich will gar nicht wissen was der eine Herr hatte…

    Naja, anscheinend ist die Ärztepfuscherei zur Zeit nicht nur in der Schweiz vorhanden. Unser Familienarzt ist jetzt in Rente gegangen und wurde durch eine deutsche ersetzt. Ob das was gutes bedeutet…?

    Ich wünsch’ dir auf jeden Fall alles gute mit dem Rückenweh. Ich hatte dies auch und wurde andauernd zum Physiotherapeuten geschickt der mir jegliche Übungen machen liess. Nach 2 Mal war ich’s satt und hab einfach zuhause einige Übungen gemacht. Seitdem habe ich nur nach sehr schlechten Nächten ein bisschen Rückenweh. *aufholzklopf*

    Alles Gute, Ricardo.

  2. Posted by Lumbert

    August 25, 2007 @ 9:44 pm

    Danke – ich habe es nach einigen Physiotherapeuten-Stunden ähnlich gehalten: Schmerz ist noch da, aber man hat ihn im Griff. Die Erlebnisse muß ich auch noch niederschreiben. Aber zu der ausgewanderten Ärztin: Ich denke, das sind die die eigentlich zu den Guten gehören und sich das hier nicht mehr antun. ich drück Euch die Daumen ;-)

  3. Posted by Ulla Schmidt

    December 30, 2010 @ 3:06 am

    Heilung, Vertrauen, Einfühlungsvermögen… dafür existiert in unserer industriellen Medizin weder Zeit noch Budget, obwohl diese Dinge für einen guten Heilerfolg unabdingbar sind. Unsere Medizin begrenzt so künstlich ihre Wirksamkeit zugunsten besserer Absatzmöglichkeiten – mehr Patienten pro Zeiteinheit, denen mehr verschrieben werden kann. Die Befindlichkeit der Ärzte leidet dabei vermutlich nicht so viel weniger als die der Patienten – die wollten alle mal Menschen heilen (oder Daddy gefallen) und finden sich als Rezeptblock-Zombies in einer unerfreulichen Tretmühle wieder, in der man gar keine Menschen mehr trifft, sondern nur in hoher Frequenz Körperteile betrachtet.

    Da Behandlungsfehler ohne den nötigen Kontext und im Stress zunehmen wie die Krankenzahlen und man nicht nur oft darüber liest, sondern es auch schon selbst erlebt hat, ist der Verlust des Vertrauens unvermeidbar.

    Ab hier wird die Sache nun wirklich ekelig: Leute wie ich gehen einfach nicht mehr zum Arzt. Dadurch finden keine vorbeugenden Untersuchungen mehr statt und die Früherkennung aller möglichen “schleichenden” Alters- und “Zivilisations-” -erkrankungen wird damit unmöglich. Da ein Besuch ein Arzt schon wegen der Begleiterscheinungen (Angst und lange Wartezeiten, keine Zeit etc.) unerfreulich genug ist, gehen Nicht-Hypochonder nur wenn es unbedingt sein muss, was in vielen Fällen einen Behandlungserfolg verschlechtert.oder gar vereitelt. Ich gehe nur noch zum Arzt wenn Schmerzen so unerträglich oder so chronisch sind, das es “ein Arzt nicht mehr schlimmer machen kann”.

    Wir sprechen hier von einer durchaus lethalen Phobie, die nur zum Teil psychische Ursachen hat. Zum größeren Teil hat sie monetäre und menschliche Ursachen, die unser Krankheitssystem selbst verursacht.

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